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Jan 26

Der Junge und der Baum

„Es ist so ein wunderschöner Morgen!“, rief Jonathan aus. Er liebte diesen Frühlingsmorgen im März. Schaute er hinunter zum See, konnte er den Bodennebel bewundern und die Berge am Horizont vermittelten durch die klare Erscheinung an diesem jungen Morgen eine Beständigkeit, die den Augenblick in den Hintergrund rücken ließen. Die Anhöhe, die diesen beeindruckenden Ausblick bot, ließ Jonathan jedes Mal auf dem Weg zur Schule innehalten und für ein paar Augenblicke konnte er anstehende Aufgaben und Herausforderungen, die der Tag für ihn bereit hielt, vergessen.

Baum_GanzAuf der Anhöhe stand auch ein Baum. Breit, schön und unheimlich alt. Er hatte sicherlich auch schon seinen Großvater beobachtet, als dieser sich täglich auf seinen Schulweg aufmachte. Eigentlich ein komischer Gedanke. Aber wahrscheinlich nahm so ein Baum die Zeit einfach anders wahr und reagierte auf das stetige kommen und gehen der Jahre viel gelassener. Ob dieser Baum überhaupt das Verstreichen der Zeit wahrnahm? Jedenfalls wäre es ein interessanter Augenblick, an dem Dialog zwischen einem solchen Baum und einer Eintagsfliege teilhaben zu können. Aber auch ein solch alter Baum konnte sich dem Wechsel der Jahreszeiten nicht entziehen. Aufgrund der wenigen warmen Tage zu dieser Jahreszeit erwachte die Natur langsam und auch am Baum waren wieder Knospen zu erkennen. Auch für ihn neigte sich die graue Jahreszeit dem Ende zu. Herbststürme, die Last des nassen Schnees, der schwere Überzug aus Eis waren nun vergessen und Jonathan konnte spüren, dass sich die Natur und mit ihr sicherlich auch dieser Baum auf die wärmeren Tage freute.

Nachdem Jonathan seinen Gedanken noch eine Weile nachhing, konnte er sich trotzdem den Aufgaben des heutigen Schultages nicht entziehen. Es stand heute in der Schule eine Prüfung in Mathematik an. Obwohl Jonathan sich gut auf dieses Ereignis vorbereitet hatte, spürte er eine beginnende Nervosität, die ihm auch sein Vater beim Frühstück nicht nehmen konnte. Aber was wussten denn auch schon die Erwachsenen von diesen Prüfungen. Das war doch schon so lange her, dass sich sein Vater sicherlich kaum an dieses Situationen erinnern konnte. Wenn dieser Baum neben Jonathan sprechen konnte, konnte sich dieser wahrscheinlich erst recht nicht an seine Zeit in der Baumschule erinnern. Da Jonathan weit und breit keine andere Person sehen konnte, wandte er sich an den Baum und sagte: „Ich schreibe heute eine Prüfung in Mathematik. Du bist doch sicherlich zur Baumschule gegangen. Hast Du denn dort auch Mathematik lernen müssen? Du siehst so unglaublich alt und erhaben aus: Kannst Du Dich denn überhaupt noch an Deine Schulzeit erinnern? Musstest Du auch so viel in so kurzer Zeit lernen oder lasst ihr Bäume Euch viel mehr Zeit, da die ja in Eurem Fall offensichtlich nebensächlich zu sein scheint?“

Aber wie erwartet, erwiderte dieser große Geselle nichts auf diese Fragen. Zwei Vögel setzten sich auf einen Zweig und schienen sich angeregt über die anstehenden Abenteuer des heutigen Tages zu diskutieren. Irgendwie schien das dem Baum zu gefallen; jedenfalls bildete sich Jonathan ein, dass plötzlich die Blätter des Baus ein wenig grüner erschienen. Was für ein Baum das wohl war? Jonathan konnte eine Buche nicht von einer Eiche unterscheiden. Das war vielleicht nicht für seine bevorstehende Mathematikprüfung, aber irgendwie fand er es schade, nicht wenigstens die offensichtlichen Dinge über den Baum zu wissen. „Buche“, grummelte der Baum da plötzlich. Also eine Buche, wenigstens war diese Frage nun gelöst, dachte Jonathan nach der erhaltenen Antwort. Unmittelbar zuckte der Junge zusammen und glaubt nicht recht zu verstehen, was da gerade vor sich ging. Hat da wirklich gerade der Baum mit ihm gesprochen. Er hatte das doch nur gedacht, das hat doch niemand gehört. Wahrscheinlich hat er sich auch das nur wieder eingebildet. Schon sein Vater ermahnte ihn bei Zeiten, sich nicht immer seinen Tagträumen hinzugeben.

Baum_Ast„Ich bin nicht in eine Baumschule gegangen. Ich bin hier seit jeher festgewurzelt. Als ich noch ein Samen gewesen bin, bin ich aus dem Gefieder eines Vogels in diese Erde gefallen und hause seitdem an dieser Stelle. So sehr ich gerne mit anderen Bäumen gespielt hätte, war es mir doch nicht vergönnt, dieses Glück mit Dir zu teilen“, hallt es nun wieder in Jonathans Kopf. Wieder erschrak Jonathan und blickte hastig um sich. Konnte vielleicht jemand diese eigenartige Erfahrung bestätigen? Leider war weit und breit niemand zu sehen und auch die Vögel unterhielten sich ungestört weiter und debattierten angeregter als zu vor.

„Daher kann ich Dir auch Deine Angst vor der anstehenden Aufgabe nicht nehmen. Ich habe weder eine vergleichbare Prüfung bestehen müssen noch habe ich ja mit der Mathematik beschäftigt.“, fuhr der alte Baum fort. „Aber Du bist so alt. Du hast doch ganz bestimmt eine Menge Leute kennengelernt, die Dir von diesen Problemen berichtet haben.“, entgegnete Jonathan. „Ach Junge,“, brummte der Baum, „Du bist seit langer Zeit der einzige Beinling mit dem ich spreche. Aber ich kann Dir davon berichten, wie ich die Beinlinge um mich herum wahrnehme. Vielleicht hilft Dir das für Deine anstehende Prüfung.“. „Ach, Baum! Oder soll ich Dich Wurzeling nennen?“, meinte Jonathan mit ein wenig Humor in der Stimme. „Es ist so schade, dass Du so wenig über uns weißt. So kannst Du mir ja überhaupt nicht helfen.“

„Du bist schon ein eigenartiger Geselle.“, knarzte der Baum. „Obwohl Du so wenig Zeit auf dieser Erde verbringst, denkst Du immer an die Zukunft und verweilst nie im Hier und Jetzt. Pass auf, kleiner Geselle: Ich habe eine Gabe, die ich bereit bin mit Dir zu teilen. Für einen Moment kann ich das Fortschreiten der Zeit verlangsamen. Manchmal gelingt es mir sogar, die Zeit für ein paar Augenblicke anzuhalten. Umarme mich doch einfach einmal und spüre das Gefühl. Vielleicht hilft Dir dieses, in Zukunft mit ein weniger Sorgen durch das Leben zu schreiten und mehr den Augenblick zu genießen und nicht zu viel an fremde Erwartungen und zukünftige Prüfungen auszurichten.“

Nachdem die alte Buche das gesagt hatte, fühlte Jonathan, wie um ihn herum die Vögel verstummten. Es schien ihm, als sei die Natur vor Neugier bis auf das Äußerste gespannt. Ohne großes Nachdenken umarmte der Junge mit seinen kurzen Armen den Riesen. Die Arme konnten nur einen ganz kleinen Teil des Umfangs umschließen, aber das reichte, um sich auf seinen Gesprächspartner auszulassen. Das Gefühl war unbeschreiblich. Wie vom Baum versprochen, traten Sorgen und Ängste in den Hintergrund. Die Buche vermittelte eine Gelassen- und Sicherheit, die es Jonathan ermöglichten, loszulassen und sich vollkommen auf die Gegenwart einzulassen. Eine Anreihung ungeplanter Gefühle, Gedanken und andere Sinneseindrücke, die den kleinen Jungen fast die Sprache verschlugen. Nach einer gefühlten Ewigkeit liess er ein wenig ab. „Das ist ja unglaublich. Ich bin froh, einen Zauberbaum als Freund zu besitzen.“. Da musste der große Baum schmunzeln und entgegnete: „Ich bin kein Zauberbaum. Das kann jeder Baum vollbringen. Sogar eine Wiese, ein Bach, ein Vogel und auch eine Nebenschwaden ist in der Lage, Dir diese Augenblicke zu schenken. Du musst nur mit offenen Augen durch das Leben gehen und Du wirst sehen, dass ein jedes Ding und ein jedes Lebewesen Dir zwar nicht bei Deinen alltäglichen Sorgen und Ängsten helfen kann; diese Dinge und diese Lebewesen, die sind aber das Leben. Die Zeit ist immer jetzt! Dadurch kannst Du Dich von Zeit zu Zeit wieder auf das wesentliche des Lebens konzentrieren. Die Fallstricke der Ablenkung liegen ständig auf Deinen Weg. Du wirst sicherlich oft stolpern, aber je öfter Du diese erkennst, desto glücklicher wirst Du sein.“

„Ich weiß gar nicht, wie ich Dir danken soll.“, sprach Jonathan. „Ich werde nun zu meiner Prüfung aufbrechen. Ich habe in der Vergangenheit nach bestem Wissen und Gewissen für diese gelernt und werde nun diese Prüfung mit Freude, Interesse und Wachheit annehmen. Ich hoffe nur, dass ich diese Fallstricke in Zukunft erkennen werden, da es doch sicherlich noch so viele auf meinem Weg geben wird.“

Lächelnd und sorglos machte sich Jonathan auf den Weg. Er war erleichtert, dass er jederzeit Unterstützung sowohl bei den erhabenen Bäumen als auch bei den quirligen Eintagsfliegen finden konnte.

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