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Mrz 10

Nicht Fisch, nicht Fleisch

Dunkel war es schon. Und eigentlich auch ein wenig zu kalt. Es war auch trocken; nicht mehr so nass. Und dieser Ort hatte auch keine Haken. Vielleicht lag ich ein wenig unbequem. Dieser Gitter drückte ein wenig. Fühlte sich nicht so schwerelos an, wie bei meinem Aufenthalt im kühlen Nass.

DerFischPlötzlich wurde es hell. Ich konnte sehen. Um mich herum offene Dosen und Gläser; komische Komposition. Habe ich so noch nie gesehen.

Langsam konnte ich mich wieder daran erinnern, dass ich an einem regnerischen Tag durch meinen See geschwommen bin. Das Auftreffen der Wassertropfen war beruhigend und irgendwie bildeten sie eine Brücke von meiner Welt in die Welt der Luftgeschöpfe. Ich genoss dieses beruhigende Geräusch und plötzlich tauchte ein Wurm vor mir auf. Er hatte eigentlich in meiner Welt nichts verloren. Er wand sich hilflos, aber bot sich unerklärlicherweise an. Ich schnappte zu und nun finde ich mich hier wieder. Hier? Wo?

Es war schon ein komischer Geruch in dieser dunklen Kiste. Im Wasser waren das viele, leichtere Gerüche, die aber irgendwie an Grün und Blau erinnerten. Hier roch es rot, braun, und auch ein wenig orange.

DieFliege„Käse“, hörte er unvermittelt aus einer der unteren Ebenen dieser unwirklichen Kiste. Konnte da vielleicht jemand oder etwas seine Gedanken lesen? „Wer? Was?“, mehr brachte er leicht schockiert und überrumpelt nicht über die Lippen. „Ich habe mich hierher verirrt. Es roch so süss und die Tür stand kurz offen. Da bin ich hierher geflogen und habe mich auf dieses Abenteuer eingelassen; Tür zu; jetzt bin ich hier. Ich bin eine Fliege“. Unverzüglich vernahm der Fisch in der Nähe einen Summen, das kurz danach in der Nähe seiner Schwanzflosse verstummte. Die Fliege lief seinen Körper entlang und stoppte auf des Fisches Bauch. Kurt hätte fast laut losgelacht, da dieses Trippeln auf seinem Körper ein Kitzeln und Kribbeln verursachte. „Du hast doch an den Geruch gedacht, stimmt’s? Das ist Käse, Schimmelkäse. Der riecht besonders intensiv.“ „Aber wie konntest Du das wissen. Dass Fliegen gut sehen können, war mir ja bekannt, aber das Fliegen Gedanken lesen können, das ist mir vollkommen neu.“ „Nein, wo denkst Du hin? Aber der Fischgeruch zieht mich oft magisch an. Da habe ich schon viele Fische kennengelernt und meist geht Euch Ähnliches durch den Kopf.“

„Was weisst Du schon vom Empfinden meiner Art.“, entgegnete der Fisch. „Nimm zum Beispiel die blauen Tomaten dort in der Ecke.“, fuhr er fort. „Blau“, unterbrach die Fliege den Fisch, „Tomaten sind doch rot. Das weiss doch jedes Fliegenbaby.“. „Da muss etwas in Eurem Leben grundsätzlich falsch gelaufen sein, wenn sich Fliegen gegenseitig beibringen zu der Farbe blau rot zu sagen“, sagte der Fisch. „Aber das sind ja Wörter“, setze der Fisch erneut an. „Ich bin mir nur nicht sicher in wie weit Wörter die Wahrnehmung der Welt beeinflussen. Jetzt stell Dir doch nur vor, jeder Fisch und jede Fliege würde die Welt mit eigenen Augen sehen und erst Du die Erziehung und den Austausch mit anderen Lebewesen werden die Eindrücke kalibriert. Der Fisch lernt also, dass sein Lila eigentlich ein Rot ist und dass man zu seinem Orange eigentlich Blau sagen sollte.“

Die Fliege hörte aufmerksam zu, obwohl es zunehmend schwer fiel, den Ausführung zu folgen. Die Fliege sagte: „Ist es denn nicht sinnvoll, sich zusammen mit den anderen auf eine Sichtweise zu einigen? Fällt uns dann die Abstimmung und die tägliche Kommunikation einfacher? Wenn wir unsere Wörter alle auf unterschiedliche Weise auslegen würden, fiele uns doch der Austausch von Gedanken viel schwerer.“ „Da scheinst Du bis zu einem gewissen Grade recht zu haben“, stimmte der Fisch zu. „Aber es besteht auch die Gefahr, dass viele individuelle Eindrücke auf dem Weg der Anpassung verloren gehen. Es könnte Dir passieren, dass Du abstumpfst. Nehmen wir einmal an, dass Du ein viel differenzierteres Bild der Welt erlebst und nun im Folge dieser Normierung dieses Schattierung verloren gehen. Besteht dann da nicht auch die Gefahr, dass neue Standpunkte und Sichtweisen verloren gehen. Besteht da nicht die Gefahr, dass man sich immer wieder in seinem Gedanken einschränkt und Grenzen setzt?“

„Wahrscheinlich ist das Leben voller Kompromisse“, entgegnete die Fliege. „Aber schau, die Tür geht auf, die Lampe geht an.“ und schon nutzte die Fliege ihre Chance und entfloh aus dem Kühlschrank.

Eine große Hand langte in den Kühlschrank und griff nach einer Flasche Weisswein. Kurz danach verschwanden aus den Schrank in unmittelbarer Nähe der Goldbrasse noch der grüne Spargel, die Fleischtomate, die süße Sahne und die Butter. Dem Fisch blieb aber nicht mehr viel Zeit, um sich über die aktuellen Geschehnisse zu wundern, denn zum guten Schluss packte diese kräftige Hand den Fisch und trug in ins Helle. Ein Menge neuer Eindrücke prasselte auf die Goldbrasse nieder, aber zum Austausch mit anderen Fischen sollte es an diesem Tag wohl nicht mehr kommen.

Nach einiger Zeit, der Fisch war inzwischen knusprig und duftete hervorragend, wurde eben dieser aufgetischt. Die Mutter rief ihre Familie zusammen. Als der kleine Sohn den Fisch so auf all dem Gemüse liegen sah, platze es aus ihm heraus: „Mama, wir wollten doch Goldbrasse essen. Dieser Fisch ist aber doch gar nicht goldig!“

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